Adorno – Werk und Wirkung. Zum 100. Geburtstag

 

Frederik van Gelder

 

 

Meine Damen und Herren,

 

Theodor W. Adorno, dessen hundertstem Geburtstag wir in diesem Jahr gedenken, braucht vor einem Publikum in Deutschland, in den Niederlanden - ja überall auf der Welt, wo man der Real- und Ideengeschichte der deutschen Nachkriegszeit Interesse entgegenbringt, kaum noch vorgestellt zu werden. Nach der Flut von bio­graphischen Ver­öffentlichungen, theoretischen Aus­einander­setzungen, öffentlichen Würdigungen, Preisver­leih­ungen, inter­nationalen Kongressen, Radio- und Fernseh­beiträgen - gar Denkmals­enthüllungen, Konzerten und Sonderbrief­marken­ausgaben - die in diesem Jahr schon stattge­funden haben, ist Adorno endgültig zum allbekannten deutschen Klassiker avanciert - mit allen Doppel­deutigkeiten, die er selber einmal an diesem Status als Medien­star ausgemacht hat. Seine Lebensstationen und wichtigsten Werke, seine Flucht vor den Nazis, die Exiljahre in den USA, die Rückkehr nach Deutschland sowie seine Rolle in der Studenten­­bewegung sind in allen Zeitungen nachzulesen. Allerdings: wer das "Kulturindustrie"-Kapitel der Dialektik der Aufklärung auf sich hat wirken lassen, wer seine Werke studiert hat, spürt angesichts der Medien­auf­merk­samkeit, die Adorno in diesem Jahr zuteil ge­worden ist, eine merk­würdige Ambivalenz. Einerseits eine Dank­barkeit dafür, dass eines der wenigen Genies, die das letzte Jahrhundert hervorgebracht hat, nun doch, wenn auch posthum, seine gebührende Anerkennung erhält; andererseits ein gewisses Unbehagen an einer Erinnerungs­kultur, die zum Gedenken an Adorno dann doch selten mehr hervorbringt als jene schwer erträgliche Mischung aus Info­tainment, Voyeur­is­mus, überheblicher Feuilleton­istik und schlichter Erfindung, die für das Fortleben Adornos im kollek­tiven Gedächtnis wenig Gutes verspricht.

 

Was ich damit meine, können Sie anhand von einigen Beispielen aus den letzten Wochen selber überprüfen.

 

Als Überschriften für Artikel über den Briefwechsel Horkheimer/Adorno gab es folgende bemerkenswerte Einfälle: "Knurrender Rottweiler, schreiender Hirsch" oder "Pikante Enthüllungen über den egomanischen Star-Intellek­tuellen". "Er liebte die Frauen wie sonst nur die Musik", "Die Bravissimo-Version des Intellek­tuellen" .

 

Als kurzes Zitat schien mir das Folgende geeignet:

1.) "Das Institut konnte niemandem ein richtiges Leben im fal­schen bieten. Es war schon gar kein 'Grand Hotel Abgrund'. ... Aber gegenüber den zeitgemäßen Rackets des Faschismus, des National­sozialismus und des Stalinismus erscheint dieses ein­zigartige Anti-Racket geradezu wie die jüdische Gemeinde gegen­über der christlichen Kirche: Es verlangt vom einzelnen nicht das Opfer."

 

Und als letztes Beispiel:

2.) "Schluss mit dem Teddy-Trauma!

"Ökonomen mögen an den monetären Anreizsystemen schrauben, so viel sie wollen - wer Adorno glaubt, den jucken weder Aktien­optionen noch Leistungszulagen. Und damit ist es raus: Adorno hat die deutsche Wirtschaft in die Krise gestürzt."

 

***

 

Meine Damen und Herren, gehen wir einen Schritt zurück. Man muss inzwischen schon über die Sechzig sein, um eine genaue Er­innerung an die deutsche Nachkriegszeit zu haben, und nicht sehr viel jünger, um die restaurative Adenauerzeit, die Berlin-Blockade, den Kalten Krieg, die Aus­einandersetzungen über Wieder­bewaffnung und Notstands­gesetze, den Mauerbau oder den Vietnamkrieg noch präsent zu haben. Das geistige Klima der fünfziger Jahre, das Adorno nach seiner Rückkehr aus Amerika vorfand, und das die damali­gen Studen­ten mit sich trugen, als sie in die Hörsäle ström­ten, muss eine heute schwer nachvollziehbare Mischung aus Apathie, Ver­drängung, Anpassung, neuer Kriegsangst ('Korea') und schlichter materieller Not gewesen sein. In den Be­richten aus jener Zeit ist die Rede von "Hoff­nungs­­losig­keit und politischer Stagna­tion" , von einer "de­morali­sierten und er­schöpften Be­völkerung" , von einer Atmosphäre fieberhafter Geschäftigkeit, die, nach Hannah Arendt, die "Haupt­waffe bei der Abwehr der Wirklich­keit geworden“ war. Versucht man, sich in die Stimmung in das Deutschland des Jahres 1950 hinein­­zuversetzen, könnte man sich an die "Merkmale der neuen deutschen Mentali­tät" er­innert fühlen, die Herbert Marcuse nur acht Jahre zuvor, - während des Krieges also - für den amerikani­schen OSS (Office of Strate­gic Services) be­schrieben hat, und wo er von "unein­geschränkter Des­illusio­nierung", "zynischer Sach­lichkeit", "Neu­heidentum", und von einem "katastro­phischen Fatal­ismus" be­richtete. Vieles von dieser Stimmung ist noch in den ersten der empirischen Unter­suchungen anzutreffen, die das In­stitut für Sozial­forschung unmittelbar nach der Rückkehr durch­geführt hat, und die 1955 unter dem umsichtigen Titel Gruppen­­­­experiment - Ein Studienbericht ver­öffent­licht wurden. Der National­sozialismus hatte einen Kahl­schlag hinterlassen, der nicht nur in den ruinierten Großstädten und auf den Soldatenfriedhöfen zu be­sichtigen war, sondern noch in der Nachkriegs­mentalität, in den emotionalen Befindlichkeiten, in jener Unfähigkeit zu trauern, ja bis in die Sprache hinein auszumachen war.

 

Mir scheint, dass man ohne diesen allgemeinen Hintergrund die bei­spiellose gesellschaftspolitische Wirkung gar nicht verstehen kann, die von der Minima Moralia, von der Dialektik der Aufklärung, und von der Person Adornos ausging, der in die westdeutsche Öffentlichkeit zu Beginn der fünfziger Jahre "einfiel wie eine intellektuelle Sternschnuppe" (Jäger, 219).

 

Von den vielen Reminiszenzen und Berichten aus dieser Zeit, die Adornos Wirkung insbesondere auf die Studenten vor Augen führen könnten, seien hier nur zwei kurz zitiert. Das erste Zitat stammt von Reimut Reiche, heute Psychoanalytiker und Privatdozent in Frankfurt:

 

"Jeder, der an dieser Zeit der Wiederentdeckung einer Welt des verschütteten Denkens teilhatte, erinnert sich an das besondere, identitätsstiftende Hoch­gefühl einer inneren Verbundenheit mit Gedanken, die zuvor ,nie gedacht’ waren und die doch alle schon ausformuliert vorlagen und nun aus den Exilarchiven ans Tages­licht befördert wurden. ( ¼ ) Das erklärt auch, warum es für diese Zeit so wesentlich war, verlorene Gedanken wie verschüttete körper­liche Objekte leibhaftig auszugraben: der Wert eines Gedankens schien mit der Mühe der Bergungsarbeit der Publikation zu wachsen, in der er erschienen war. Die frühen Aufsätze von Otto Fenichel, Siegfried Bernfeld oder Wilhelm Reich hatten ebenso wie die aus der Zeit­schrift für Sozialforschung oder die von Lukács, Thalheimer oder Pannekoek diese Aura um sich. Lebhaft erinnere ich mich an die Gefühlsmischung aus Ehrfurcht, Hoch­gefühl und Scham, in der wir 1963 die ersten hektographierten Abschriften von Horkheimers Aufsatz Die Juden und Europa (1939) entgegen­nahmen, der gerade von Mitgliedern des Westberliner Argument-Clubs zugänglich gemacht worden war. Einen ganzen Winter lang lasen und diskutierten wir im Argument-Club diesen einen Aufsatz."

 

Als zweites Zitat, ein beredtes Zeugnis von meinem eigenen Hoch­schul­lehrer hier in Deutsch­land, Jürgen Habermas:

 

"Wir hatten an den moralisch morschen Universitäten der frühen, durch Selbstmitleid, Verdrängung und Unempfindlich­keit gezeich­neten Adenauer-Zeit studiert. Im geistfetisch­istisch hohlen und abend­ländisch verschwiemelten Milieu eines 'Verlust der Mitte' war unser unklares Bedürfnis nach einem Akt begreifender Kathar­sis nicht befriedigt worden. Erst die intellektuelle In­ständig­keit und die durchdringende analyti­sche Arbeit eines in Einsam­keit reni­tenten Adorno hat für uns damals die Substanz der eigenen großen Tradi­tionen auf dem einzig möglichen Wege - durch die unerbitt­liche Kritik an deren Entstellungen - gerettet. ( ¼ )

Ich kam mir vor wie in einem Balzacschen Roman der unbeholfen-ungebildete Junge aus der Provinz, dem die Großstadt die Augen öffnet. Ich wurde mir der Konventionalität meines Denkens und Fühlens bewusst. Akademisch war ich in den herrschenden, also in den durch die Nazizeit ununterbrochen fortgeführten Traditionen groß geworden und fand mich jetzt in einem Milieu wieder, in dem alles das lebte, was die Nazis eliminiert hatten. Es ist leicht, sich an die fremden Inhalte zu erinnern, die es nun zu lernen gab. Aber schwer zu beschreiben, wie sich ein Universum von Begriffen und eine Mentalität dadurch verändern, dass sich eine neue Welt auftut."

 

Was ist es nun eigentlich, was eine ganze Generation von Studenten damals so begeistert hat, dass noch in den heutigen Reminiszenzen daran von etwas Unwiderstehlichem, einem "Sog", einer "Verführungskraft" berichtet wird, also von einer Wirkungs­mächtigkeit, die nur noch mit den größten Denkern der europäischen Aufklärung zu vergleichen ist? Von einem Denkduktus also, "dem sich kein produzierender In­tellek­tueller entziehen kann" ? In einer unlängst veröffentlichten niederländischen Re­zension der Dialektik der Aufklärung - die bekanntlich im ameri­kanischen Exil geschrieben wurde und zuerst 1947 in Amsterdam erschienen ist - finde ich einen Satz, der immer wieder zitiert wurde und der auch in meiner eigenen Erinnerung an die erste Lektüre vor etwa dreißig Jahren eine Rolle gespielt hat: " ¼ waarom de mensheid in plaats van tot het scheppen van ware menselijke ver­houdingen te komen, terugvalt in een nieuwe vorm van barbaars­heid." Zitiert hier auf Holländisch, was hier in der Grenzregion vielleicht verständlich ist, als Erinnerung daran, dass diese Themen um die Welt gegangen sind und ihr Einfluss keineswegs auf Deutschland beschränkt geblieben ist. In den Nachbarländern, erst recht in den Niederlanden, gab es fünf Jahre nach Kriegsende noch genug Leute, die recht konkrete Vorstellungen davon hatten, was mit solch einem Satz gemeint sein könnte. Auf Deutsch: "Was wir uns vorgenommen hatten, war tatsächlich nichts weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt."

 

Auf diesen Satz aus der Einleitung folgt eine Abhandlung, die mit den Kriterien, die wir - ich war damals Soziologiestudent in Johannesburg und Durban – zur Beurteilung von wissenschaftlichen Studien handhabten, schlichtweg nicht in Einklang zu bringen war: Ein Werk, das dennoch demonstrierte: die Welt ist wirklich in einer Krise, es hat wirklich einen katastrophalen Krieg ge­geben, und es ist wirklich möglich, mit wissenschaftlicher Stringenz der Frage nach den Ursachen dieses universellen Zustandes nachzugehen - und zwar in einer (internationalen) Solidar­gemeinschaft mit anderen Forschern, Intellektuellen und Künstlern. Diese Einsicht war - wenn man, wie ich, einen naturwissenschaftli­ch- medizinische n Hinter­grund hatte - etwas Ungeheuer­liches. Die Welt im Ganzen - das ist die Vorstellung, die von der Dialektik der Aufklärung ausging - die Welt, wie wir sie um uns herum wahrnehmen, sowohl die politische als auch unsere innere psychologisch-emotionale Welt, diese Welt ist einer rationalen Untersuchung zugänglich, sie hat durchaus eine nachvollziehbare 'Logik'.

 

Das damals an den angel­sächsischen Uni­versitäten gelehrte Wissen­schafts­ideal beruhte auf dem Vorbild der Physik, der Chemie, der Astro­nomie, auf dem Vorbild der Naturwissenschaften im Allgemeinen - und das galt selbst für die von Parsons, Merton und der 'Chicago School' dominierte Sozio­logie, in der ich selber tätig war. Diese Mentalität, die bis heute in vielen Bereichen vorherrschend ist, be­sagte: was mit der Mathematik, mit der formalen Logik und mit der Statis­tik, oder in einer empirisch-experimentellen Anordnung nicht einzu­fangen war, was also nicht stringent ‚ zu beweisen’ war, das galt nicht, das konnte keine Wissenschaft sein. Es musste nicht unbedingt 'nonsense' sein, wie die radikaleren unter den 'Positi­visten' behaupteten, aber es war jeden­falls 'non-science', also unwissenschaftlich. Es kam folglich als geeigneter Gegen­­stand einer systematischen Unter­suchung nicht in Betracht - jeden­falls für Wissen­schaftler, die ihren Ruf und ihre For­schungs­gelder nicht riskieren wollten. D.h. für die angel­sächsische Rezeption markierte die sog. 'frühe' Kriti­sche Theorie den Anfang einer danach nie wieder abflauenden, bis in die Gegen­wart fortdauernden Auseinander­setzung über Wissen­­schafts- und Erkenntnistheorie, deren erster Höhepunkt der 'Posi­tivis­mus­streit' der sechziger Jahre war und danach vor allem in den voluminösen Schrif­ten von Habermas ihren Niederschlag fand.

 

Gänzlich Anderes gilt für die deutsche Rezeption. Während in der angel­sächsischen Rezeption der frühen Kritischen Theorie die methodo­lo­gischen Fragestellungen im Vordergrund standen – entsprechend der über­wältigenden Rolle, die Wissenschaft und Technik in den englisch­sprachigen Ländern haben -, war die deutsche Rezeption von Anfang an, und bis in alle Verästelungen hinein, eine eminent politische. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass mit der Rückkehr von Horkheimer und Adorno aus dem ameri­kanischen Exil das Thema auf der Tagesordnung stand, das die Bonner Republik von Anfang bis Ende begleitet hat, und das immer noch als Gradmesser für das Demokratieverständnis in diesem Lande fungieren kann: nämlich das Verhältnis des gerade erst militärisch besiegten Deutschland zu seinen eigenen Opfern, angefangen mit den vertriebenen und er­mordeten Juden. (Das wäre im Übrigen schon der Fall gewesen, wenn Hork­heimer und Adorno nur ein Tabaklädchen auf der Zeil in Frankfurt eröffnet hätten.) Diese unbequemen 'Emigranten' hatten, zu allem Über­druss, auch noch die alten Aufklärungsideale in ihrem Gepäck. D.h. es reichte schon, dass Horkheimer und das neu gegründete Institut für Sozialforschung - dessen Direktor Adorno bald wurde - "Sozialforschung" betrieben, eine nur den Kriterien von Wissen­schaft und Wahr­heit verpflichtete Analyse der Wirk­lichkeit.

Diese Wirklichkeit, dieses sozial-politische Gefüge der Adenauer­zeit, auf das das Licht der Wissen­schaft dann bald fallen soll­te, hatte es nämlich in sich. Bis 1953 war nicht einmal klar, ob das Gespenst namens "Weimar" wirklich gebannt war – eine breite deutsch-nationale Volkspartei rechts von der CDU/CSU, welche sich unmittelbar auf die NSDAP berief und obendrein von einem ehe­maligen Staatssekretär im Goebbels’schen Propagandaministerium geführt, schien sich abzuzeichnen, und konnte nur noch durch Intervention von allii erter Seite abgewendet werden. Die mühsame Verwandlung von Heimkehrern, Ver­triebenen aus den Ost­gebieten, Ausgebombten, Wehr­machts­offizieren, demobili­sierten Soldaten und NS-Funktionären in 'Zwangsdemokraten' - das Wort stammt von Ralph Giordano - war noch in vollem Gang, und wenn diese Adenauersche 'Vergangen­heits­politik' auch Erfolge zu zeigen schien, so war der Preis, der dafür zu zahlen war, nicht zu über­sehen: befangene Politiker und belastete Juristen - zwei Macht­gruppen, die die Bonner Demokratie prägten - blieben unbe­helligt. "Mitte der fünfziger Jahre mußte fast niemand mehr befürchten, ob seiner NS-Vergangenheit von Staat und Justiz be­helligt zu werden ... fast alle waren jetzt entlastet und entschuldigt."

 

Vor diesem Hintergrund konnte es gar nicht anders sein, als dass die an der Weimarer Kultur anknüpfenden remigrierten Hitler­flüchtlinge, die von Anfang an das nationalistisch gefärbte autori­täre Gedankengut verwarfen, zum Mittelpunkt einer politi­schen Auseinandersetzung werden sollten, der sich bald die­jenigen anschließen sollten, denen das Nazi-Erbe sowieso verhasst war: Gewerkschaftler, Künstler, Intellektuelle, und all die­jenigen, die mit dem 'kommunikativen Beschweigen' der Vergangenheit brechen wollten. Zu unvereinbar in Bezug auf die zentrale Frage der demokratischen Legitimität sind die Positionen, die sich hier gegenüberstanden: während die linken Parteien diese Legiti­mität auf einen gänzlichen Bruch mit der NS-Zeit stützten, hielten die konservativen Parteien an der Möglichkeit einer nationalen Identität fest, die angeblich nur von national­­sozialistischen Ablagerungen gereinigt werden musste.

Diese politische Auseinandersetzung wird noch von den ver­schie­denen Adorno-Biographen ausgefochten: während in dem Buch von Detlev Claussen ernsthaft auf die Befindlichkeiten von aus Deutsch­land vertriebenen Intellektuellen eingegangen wird, die gerade noch ihren Verfolgern entkommen konnten - und einen Groß­teil ihrer Arbeitszeit, finanziellen Mittel und ihres Engagements zur Rettung von Familien, Freunden und Kollegen aufwenden mussten (was ja keineswegs immer gelang: siehe Walter Benjamin, Karl Landauer, Andries Sternheim) - so ist in dem Buch des F.A.Z.-Redakteurs Lorenz Jäger das alte Ressentiment gegen eine "Politik der Sozialforschung im Sinne der Amerikaner" (226) spürbar.

 

Im Ausland wiederum - lassen Sie mich hier einige Be­merkungen über die niederländische Adorno-Rezeption ein­schieben - lagen die Verhältnisse anders. Das von der deutschen Besatzung ausge­plünder­te, ausgehungerte und schwer erniedrigte Land orientierte seine öffentlichen Diskurse über ,de oorlog' bis weit in die sechziger Jahre hinein nach den Oberbegriffen 'goed en fout' (d.h. durch die Kollaboration belastet oder nicht) als Haupt­kriterium für politische Ak­zeptanz.

Als Beispiel für diese Haltung war kürzlich in einer Ausstellung zum Nachkriegsverhältnis Niederlande/Deutschland im Amsterdamer Rijksmuseum ein Schild zu sehen, das unmittelbar nach Kriegsende am Grenzübergang bei Emmerich aufgestellt war. Auf diesem Schilde stand (und das war keineswegs als Witz gemeint): "You are now leaving the civilized world".

Vor diesem Hintergrund erst wird verständlich, wieso der uni­versalistische, an die europäische Aufklärung anknüpfende Ansatz der Frankfurter - die ja von den deutschen Rechten gerade dafür ange­prangert wurden - in den Niederlanden als hoffnungsvolles Zeichen dafür galt, dass zumindest ein Teil der deutschen Intelligenz den 'deutschen Sonderweg' verlassen und zu einem gemeinsamen europä­ischen Rahmen zurückgefunden hatte.

Für die niederländischen Intellektuellen stand auch etwas anderes im Zentrum der Adorno-Rezeption, was in Deutschland erst viel später wahrgenommen wurde: Adorno als Stimme der jüdischen Über­lebenden, und nicht Adorno als Vordenker der außer­parlamentari­schen Opposi­tion. Adorno als der Autor von Erziehung zur Mün­digkeit, "Er­ziehung nach Auschwitz", als Autor von "Was bedeutet: Auf­arbeitung der Vergangenheit". Und ebenfalls Adorno als Autor des viel­zitierten Satzes "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch ..." . Darauf komme ich noch zurück.

 

Soviel nun zur Wirkungsgeschichte und dem politischen Hintergrund, auch in den Niederlanden. Wie ist es nun um das Werk Adornos bestellt?

 

Wer die Inhaltsverzeichnisse der Gesammelte Schriften und die Nachlassbände auch nur überfliegt - inzwischen sind sie auf über vierzig statt­liche Bände herangewachsen - stößt auf eine so große Vielfalt an Themen, dass sie kaum in aller Kürze auch nur aufgelistet werden können. Soziologie, Psychologie, Ästhetik, Philosophie, Literatur, Musik, Politik – dies sind ja nur formelle Bezeichnungen für universitäre Fachbereiche, die zudem suggerieren, man könne das alles so, nach akademischem Usus, säuberlich auseinander­halten.

Weiter kommt man, wenn man einzelne Topoi herausgreift. Ich be­schränke mich auf zwei davon, die ich Ihnen kurz unter den Stich­wörtern 'Kulturindustrie' und 'Kein Gedicht nach Auschwitz' er­läutern möchte.

 

1.) Zum Begriff der ,Kulturindustrie’

 

Horkheimer und Adorno haben während der Exiljahre in Amerika, vor allem in Los Angeles und Hollywood, wo sie enge Kontakte zu Leute aus den großen Filmstudios hatten - die Anfänge einer inzwischen global gewordenen Nachrichten-, Unterhaltungs-, Musik-, Fernseh-, Film- und Werbeindustrie beobachtet (in den letzten Jahren um das Internet erweitert), die für einen immer größer werdenden Prozent­satz der Menschheit zur alleinigen Quelle für Information, politi­sche Meinungsbildung, Vorbilder im Umgang mit anderen Menschen, ja Vorbilder für das Liebesleben, das Ver­hältnis zwischen den Ge­schlechtern und den Generationen, ge­worden ist. Wer heutzutage auch nur eine Zeitung aufschlägt, ein Fernsehprogramm anschaut, seine E-mails öffnet, ja auch nur ein Mobiltelefon benutzt, kommt nicht daran vorbei, als Kon­sument in einer 'Kulturindustrie' zu fungieren, deren Inhalte er oder sie nicht im mindesten beeinflussen kann.

Was soll an dieser Unausweichlichkeit - nach Hork­heimer und Adorno – denn nun eigentlich so problema­tisch sein?

Erinnern wir uns einen Moment an den Entstehungszusammenhang der Dialektik der Aufklärung. Für die europäische Intelligenz, die sich, wie die Horkheimer-Gruppe, dem Linkshegelianismus und dem Marxismus im weitesten Sinne ver­pflichtet fühlte, erschienen die große Krisen und Kriege der Moderne - der Erste Weltkrieg, die Russische Revolution, die Weltwirtschaftskrise von 1929 - als Resultat öffentlicher Entscheidungsprozesse, die unter dem ver­zerrenden Primat von privaten Investoren stehen; d.h. als Demokratiedefizit. Solange nur der Markt - so würde man das heute wohl nennen - als alleiniges Kriterium für politisch-öffentliche Entscheidungen fungiert, ist das bürgerliche Zeit­alter auf alle Ewigkeit zu Krisen und Kriegen verdammt. Krisen und Kriege, die ihre reale Ursache darin haben, dass in einer ausschließlich dem Tausch überlassenen Welt entscheidende Lebensbereiche, die uns alle angehen - wie etwa Er­ziehung, Bil­dung, Umwelt, Gesundheit, und vielleicht vor allem: Friedens­sicherung - in der großen Politik keine angemessene Interessen­vertretung finden.

 

Diese Sicht der Dinge erlaubt es Horkheimer und Adorno nun, mitten im Zweiten Weltkrieg mit verblüffender Weitsicht die Anfänge einer Entwicklung zu analysieren, deren volle Entfaltung erst nach dem Tode der Autoren so richtig sichtbar geworden ist: die Allgegen­wärtigkeit - vielleicht: Allmacht - von modernen Massenmedien, die keiner demokratischen Kontrolle mehr unter­liegen. Oder anders ausge­drückt: Bildung, Kommerz, Technologie, Information, Werbung und Propaganda gehen in der heutigen Welt eine noch nie dagewesene Verbindung ein, die für die Geschichte der Menschheit noch fatal werden könnte.

 

Eine Fatalität, die - aus der Sicht von Horkheimer und Adorno - damit zu tun hat, dass das spezifisch deutsche Verhängnis der dreißiger Jahre - ein hocheffizientes, totalitäres Propaganda­ministerium, das sich, mittels der neuen Massenmedien, auf die geschickte Er­zeugung und Manipulation von xenophobischen und rassistischen Vor­urteilen versteht - auf die Nachkriegswelt im Ganzen angewandt werden kann. Das erklärt, weshalb in der Dia­lektik der Auf­klärung auf das Kulturindustriekapitel ein Kapitel über Anti­semitismus folgt. Die Feststellung einer 'Wechsel­wirkung' von massenmedialen Inhalten einerseits und konformisti­sch-autori­tären Charakter­struk­turen in der breiten Bevölkerung andererseits war ja das Spezi­­fikum der Kritischen Theorie. Sie hat ja schon früh, in den späten Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts damit begonnen, die Freudsche Psychoanalyse für das Verständnis von sozial­psychologi­schen Reaktionen ein­zusetzen, und Adorno ist ja in den USA gerade auf Basis dieser Verbindung - eindrucksvoll ausge­arbeitet in der Authoritarian Personality von 1950 - be­rühmt geworden. (Nebenbei gesagt, in der Stellung zu Freud lag ja auch der Punkt, an dem die Kritische Theorie sich sowohl von dem Marxismus von Lukács, Bloch und Brecht unter­schied, als auch von der her­kömmlichen Meinungs- und Sozialforschung.)

Diese 'Wechselwirkung' von konformistisch-autoritären Charak­terzügen beim Massen­­­publikum und den manipulativen, daran an­­knüpfenden Massen­medien bildet - der Dialektik der Aufklärung zufolge - das eigent­liche 'System' der Gegenwart: in ihr ist jene "falsche Identität von Allgemeinem und Besonderen zu sehen", die die Massen­­kultur kenn­zeichnen soll.

 

"Fun ist ein Stahl­bad. Die Ver­gnü­gungs­in­du­strie ver­ord­net es un­ab­läs­sig. La­chen in ihr wird zum In­stru­ment des Be­trugs am Glück. ... In der fal­schen Ge­sell­schaft hat La­chen als Krank­heit das Glück be­fal­len und zieht es in ihre nichts­wür­di­ge To­ta­li­tät hin­ein. Das La­chen über et­was ist al­le­mal das Verlachen, und das Le­ben, das da Bergson zu­fol­ge der Verfestigung durch­bricht, ist in Wahr­heit das ein­bre­chen­de bar­ba­ri­sche, die Selbst­be­haup­tung, die beim ge­sel­li­gen An­laß ihre Be­frei­ung vom Skru­pel zu fei­ern wagt. Das Kol­lek­tiv der La­cher par­odiert die Menschheit." ( 167)

 

Nun, die Massenmedien sind inzwischen zu einer weltumspannenden Reali­tät geworden, und Namen wie Rupert Murdoch, Berlusconi, Leo Kirch und Kerry Packer sind uns allen ebenso bekannt wie die De­batte über Gewalt, Obszönität, Kommerz und Werbung.

 

In dem Kulturindustrie-Kapitel der Dialektik der Aufklärung ist etwas nachzulesen, was in der heutigen Welt zur Realität geworden ist. Einerseits die Tendenzen zu Trivialisierung, Zerstreuung, 'dumbing down', Ent­­fesselung von Libido und Aggression, die schnell genug "in die Qua­li­tät der or­ga­ni­sier­ten Grau­sam­keit" (165) umschlagen können und vor allem die Pädagogen be­schäfti­gen; andererseits etwas, was einem aufgeht, wenn man die Medien­berichterstattung über politi­sche Großereignisse wie den terroristi­schen Angriff am 11. Septem­ber 2001 verfolgt. Solche Bilder, die ja innerhalb von Minuten um die Welt gehen, von Abermillionen von Menschen gesehen werden, haben eine Schock­wirkung, die rationale Über­legungen über politische und ökonomische Verhältnisse außer Kraft setzen. Die von Katastrophen­bildern ausgelöste Wut und Angst bilden einen An­satzpunkt für politische Instrumentalisierung - Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind uns allen präsent.

 

An Adornos Analyse - das Kulturindustriekapitel scheint eher auf ihn als auf Horkheimer zurückzugehen - imponiert die beinahe hellseherische Vorwegnahme, noch während des Zweiten Weltkrieges, von Ver­hältnissen, die das öffentliche Leben in der Nachkriegszeit zu­nehmend bestimmen sollten. Eigentlich ist es so, dass man anhand von Texten wie diesem eine merkwürdig unzeitgemäße Erfahrung macht, die den modernen Menschen anscheinend immer fremder geworden ist: D ass man nämlich erst durch die Versenkung in und Auseinander­setzung mit überlieferten Texten wie diesem in der Lage ver­setzt wird, jene notwendigen Bezüge zur Vergangenheit her­zu­stellen, die einen Begriff von Geschichte überhaupt erst er­mög­lichen. Ohne ein Verständnis von abstrakten politischen Zusammen­hängen bleiben unsere Wahrnehmungen der Gegenwart eine schock­hafte Aneinander­reihung von Katastrophenbildern, die einen orientierungslos den­jenigen ausliefern, die sich schon auf die Instrumentalisierung dieser Orientierungs­losigkeit spezialisiert haben.

 

Adorno selber hat diese Erfahrung auf den Begriff gebracht:

 

"Für den Alexandrinismus, die auslegende Versenkung in über­lieferte Schriften, spricht manches in der gegenwärtigen ge­schichtlichen Lage. Scham sträubt sich dagegen, metaphysische Intentionen unmittelbar auszudrücken; wagte man es, so wäre man dem jubelnden Mißverständnis preisgegeben. Auch objektiv ist heute wohl alles verwehrt, was irgend dem Daseienden Sinn zuschriebe, und noch dessen Verleugnung, der offizielle Nihilismus, verkam zur Positivität der Aussage, einem Stück Schein, das womöglich die Ver­zweiflung in der Welt als deren Wesensgehalt rechtfertigt, Auschwitz als Grenzsituation. Darum sucht der Gedanke Schutz bei Texten. Das ausgesparte Eigene entdeckt sich in ihnen. Aber beide sind nicht Eines: das in den Texten Entdeckte beweist nicht das Ausgesparte. In solcher Differenz drückt sich das Negative, die Un­möglichkeit aus; ein O wär' es doch, gleich weit von der Ver­sicherung, daß es so sei, wie von der, es sei nicht. Die Inter­pretation beschlagnahmt nicht, was sie findet, als geltende Wahr­heit und weiß doch, daß keine Wahrheit wäre ohne das Licht, dessen Spur in den Texten sie folgt."

 

Ich komme zum zweiten und letzten der vorher genannten Stichwörter:

 

 

2. 'Nach Ausch­witz ein Ge­dicht zu schrei­ben, ist bar­ba­risch'

 

Dies ist der meistzitierte Satz von Adorno. Wenn man die Wörter 'Ge­dicht', 'Auschwitz' und 'Adorno' in eine Internetsuchmaschine eintippt, stößt man auf hunderte von Textstellen, Aufsätzen, und Zeitungsartikeln - zuletzt leitete Marcel Reich-Ranicki eine Rezension von Polanskis Film "Der Pianist" in der F.A.Z. mit dem Satz ein: "Adorno hatte schon gute Gründe, 1949 zu erklären, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben."

 

Der Satz wird meistens als Verdikt und Verbot gedeutet, wird anschließend mit dem Gedicht 'Todesfuge' von Paul Celan konfrontiert, um dann den beruhigenden Schluss zu ermöglichen, dass es anscheinend 'doch noch geht'. Oder, die ganze Angelegenheit wird als eine Meinungs­­verschiedenheit zwischen Adorno und Celan abgetan .

 

Detlev Claussen, bei weitem der sensibelste der Adorno-Biographen, ist der öffentlichen Resonanz dieses Zitats nach­gegangen. Er kommt zu dem Schluss, dass auch diese Stelle dabei ist, zu einem Artefakt der Massenkultur zu werden.

 

“Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit des Kul­tur­pu­bli­kums wie sei­ner be­vor­zug­ten Pro­du­zen­ten hat sich nie die Mühe ge­macht, den Zu­sam­men­hang ein­mal nach­zu­schla­gen, in dem es zu die­ser Be­haup­tung ge­kom­men ist. Adorno hat 1949 in dem Es­say »Kulturkritik und Ge­sell­schaft« Mo­ti­ve aus den Mi­ni­ma Mo­ralia und der Dialektik der Auf­klä­rung, die mit der Wahr­neh­mung des sy­ste­ma­ti­schen Mas­sen­mor­des in Eu­ro­pa ver­knüpft sind, auf eben diese Poin­te ge­bracht, die al­ler­dings nur als hal­bier­te zur Kennt­nis ge­nom­men wor­den ist. [Adorno-Originalzitat:] »Noch das äu­ßer­ste Be­wußt­sein vom Ver­häng­nis droht zum Ge­schwätz zu ent­ar­ten. Kulturkritik fin­det sich der letz­ten Stu­fe der Dialektik von Kul­tur und Bar­ba­rei ge­gen­über: nach Ausch­witz ein Ge­dicht zu schrei­ben, ist bar­ba­risch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die aus­spricht, war­um es un­mög­lich ward, heu­te Ge­dich­te zu schrei­ben. «

( ¼ )

"Völlig un­ver­stan­den und un­be­ach­tet blieb Adornos Selbst­re­fle­xi­on auf die Rol­le des er­ken­nen­den Kri­ti­kers, die er noch in sei­nem letz­ten Buch Ne­ga­ti­ve Dialektik 1967 er­neu­ert hat: »Alle Kul­tur nach Ausch­witz, samt der dring­li­chen Kri­tik dar­an, ist Müll.« ‑ Die Be­mer­kung »samt der dring­li­chen Kri­tik dar­an« hat so gut wie kaum einer be­merkt. Wie kein zwei­ter hat Adorno nach 1945 die Not­wen­dig­keit einer Ge­sell­schafts­theo­rie po­stu­liert, die Ausch­witz als die ge­sell­schaft­li­che Ka­ta­stro­phe er­kennt, die der Menschheit ei­nen neu­en ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tiv auf­zwingt ‑ näm­lich »Denken und Han­deln so ein­zu­rich­ten, daß Ausch­witz nicht sich wie­der­ho­le, nichts Ähn­li­ches ge­sche­he«. Ausch­witz läßt sich ohne Ge­sell­schafts­­theo­rie nicht er­ken­nen. Gesellschaftstheoretische Er­kenntnis ver­spricht we­der Er­lö­sung noch Ver­söh­nung, son­dern sie er­zwingt Selbst­re­fle­xi­on. Der Er­ken­nen­de muß noch im Er­kennt­nis­pro­zeß sich die »Käl­te des bür­ger­li­chen Sub­jekts« an­eig­nen, ohne die Ausch­witz nicht möglich ge­we­sen wäre ‑ aber eben die Er­kenntnis von Ausch­witz auch nicht. Nicht nur in Deutsch­land ver­stand die Öf­fent­lich­keit Adornos pa­ra­do­xes Dik­tum nicht, weil sie von Kunst kei­ne Wahr­heit er­war­tet und sie dem Denken miß­traut. Theo­rie gilt ihr als welt­fern oder po­ten­ti­ell to­ta­li­tär, Kunst da­ge­gen als un­ge­fähr­lich und schön.

Das Pa­ra­dox, das Adorno am Gedichteschreiben nach Ausch­witz for­mu­lier­te, gilt für Denken nach Ausch­witz über­haupt. Ohne Er­in­ne­rung an die un­ter­schied­li­chen Ar­ten von Schuld, vor der we­der Ent­ronnensein noch Nachge­borensein schützt, läßt sich Ge­sell­schaft nicht mehr er­ken­nen."

 

Claussen weist zurecht darauf hin, dass eine adäquate Ausein­andersetzung mit diesem Diktum von Adorno - wie so vieles bei ihm - ohne jenes Verständnis des Verhältnisses von Massen­psychologie und Massenkultur, das für unser Zeitalter so charakteristisch ist, und das man überhaupt erst bei den 'Frank­furtern' lernen kann, nicht richtig gelingen kann. Claussen nennt etwas beim Namen, was man eigentlich nur an sich selber fest­stellen kann, nämlich, dass diese Dinge mit Alltagskategorien gar nicht bezeichnet werden können:

 

"Das tra­di­tio­nel­le Ide­al aber der Adäquation des Den­kens an die Sa­che wird durch die Mon­stro­si­tät des Sach­ver­halts sel­ber un­mög­lich ge­macht.

Die un­ver­mit­tel­te Wahr­neh­mung des Uni­ver­sums der Konzentrations- und Ver­nich­tungs­la­ger läßt den Wahr­neh­men­den ver­stum­men. Spon­tan möch­te der Mensch sich ab­wen­den, weil eine Scham in ihm an­ge­spro­chen wird, mit der sich ein über­wäl­ti­gen­des Ge­fühl von Ohn­macht ver­bin­det. Die Wahr­neh­mung löst ei­nen Vor­gang der Ab­wehr aus, der sich mit dem Begriff der Ver­wer­fung fas­sen läßt ‑ eine Art der »Ab­wehr, die dar­in be­steht, daß das Ich die un­er­träg­li­che Vor­stel­lung mit­samt ih­rem Af­fekt ver­wirft und sich so be­nimmt, als ob die Vor­stel­lung nie an das Ich her­an­ge­tre­ten wäre«. [Freud] Das Wort Ausch­witz er­in­nert an die Rea­li­tät wie die mit ihr ver­bun­de­ne Ge­fühlswelt. Wer von Ausch­witz re­den woll­te, ohne die mit die­sem Wort verbundenen Af­fek­te zu mo­bi­li­sie­ren, muß sich be­wußt Techni­ken be­die­nen, die aus der Psy­cho­ana­ly­se als Ab­wehr­me­cha­nis­men schon be­kannt sind."

 

Ich komme zum Schluss.

 

In einem Exemplar einer holländischen Übersetzung der Minima Moralia, das ich vor einiger Zeit auf dem antiquarischen Büchermarkt auf dem Spui in Amsterdam erstanden habe, gibt es Stellen, die von dem vor­herigen anonymen Besitzer mit dicken Ausrufungszeichen und Rand­bemerkungen versehen wurden. Ich möchte Ihnen jenen Abschnitt vorlesen, der die meisten Ausrufungszeichen aufweist. (Ich lese ihn auf Deutsch vor.)

 

„Zum Ende. - Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nach­konstruktion und bleibt ein Stück Technik. Perspektiven müßten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, ver­fremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im messianischen Lichte daliegen wird. Ohne Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus solche Perspektiven zu gewinnen, darauf allein kommt es dem Denken an. Es ist das Allereinfachste, weil der Zustand unab­weisbar nach solcher Erkenntnis ruft, ja weil die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefaßt, zur Spiegel­schrift ihres Gegenteils zusammenschießt. Aber es ist auch das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist, während doch jede mögliche Erkenntnis nicht bloß dem, was ist, erst abgetrotzt werden muß, um verbindlich zu geraten, sondern eben darum selber auch mit der gleichen Entstelltheit und Be­dürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen vorhat. Je leidenschaftlicher der Gedanke gegen sein Bedingtsein sich abdichtet um des Unbedingten willen, umso bewußtloser, und damit verhängnisvoller, fällt er der Welt zu. Selbst seine eigene Unmöglichkeit muß er noch begreifen um der Möglichkeit willen. Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Un­wirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig.“

 

Meine Damen und Herren, wenn wir uns heute, noch keine 60 Jahre, nachdem die Durchgangslager zu den polnischen Vernichtungsstätten geschlossen worden sind, in Europa und in der westlichen Welt noch in die Augen schauen können, ohne vor Scham zu vergehen, dann ist es auf der Basis von Perspektiven – sowohl intellektuell als auch politisch -, die von dieser Gruppe von Intellektuellen heraus­gearbeitet worden sind. Sie können das Philosophie nennen oder auch Gesellschaftstheorie – wer mit sich und seinen Nachbarn ins Reine kommen will über das, was vor noch keinem Menschenalter auf diesem Kontinent, und gar nicht so weit weg von hier, passiert ist, wird sich diesen Themen nicht entziehen können.

 

Ich danke Ihnen.

 

Fußnoten

 

Vortrag, gehalten während einer Gemeinschaftsveranstaltung der Volkshochschule Gelderland und des Fördervereins des Friedrich-Spee-Gymnasiums, Geldern, am 6.10.2003.

Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann. Bd. 5, Frankfurt am Main 1970, S. 314.

Der Spiegel , Heft 34/2003.

Lütkehaus, Ludger: "Das Wunderkind Theodor W. Adorno, zum Hundertsten: Wie ihn die Biografen sehen", in: Die Zeit, Heft 37, 4.9.2003.

"Die geschichtlichen Erfahrungsgehalte, die wesentlich die Gestalt ihrer kritischen Gesellschafts ­ theorie bestimmten, werden eskamotiert und ihre des Wesentlichen beraubten Theorien dem wissen­ schaftlichen Bestattungsverfahren überantwortet. Die Autoren werden in den akademischen Himmel gehoben und ihre Theorien vergessen." Claussen, Detlev : "Über Psychoanalyse und Antisemitismus", in: ders.: A s ­ pekte der Alltags­religion , Frankfurt am Main 2000 .

"Was von Adorno übrigblieb – Zum 100. Geburtstag Theodor W. Adornos", in: Konkret , Heft 9/2003, S. 40.

Financial Times Deutschland , Kompakt, 11.9. 20 03, S. 2.

Franz Neumann 1946 über Deutschland: "Deutschland heute ist schlimmer als 1945. Man hat das Gefühl der völligen Hoffnungs­losigkeit und der totalen intellektuellen und politischen Stagnation. ( ¼ ) Was man hört und liest, ist der Müll des deutschen Idealismus in seinen verschiedenen Formen oder ein Marxismus, der auf jeden Pfurz des Soviet Militärkommandanten abgestellt ist. ( ¼ ) Ich habe Dutzende von Deutschen gesprochen und überall den Eindruck einer gähnenden Leere gehabt.“ (an M. Horkheimer, 31.10.46, in: Kraushaar , Wolfgang: Frankfurter Schule und Studentenbewegung , Bd. 2, Frankfurt am Main 2000, S. 30f.)

Arendt , Hannah: Besuch in Deutsch­ land , Berlin 1993, S. 23.

"Unter der Oberfläche hat die Einstellung der Deutschen zur Arbeit einen tiefen Wandel erfahren. Die alte Tugend, unab­hängig von den Arbeitsbedingungen ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen Ver ­ langen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren. Beobachtet man die Deutschen, wie sie ge­ schäftig durch die Ruinen ihrer tausend­jährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahr­ zeichen ein Achselzucken übrig haben oder wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckens­ taten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, dass die Geschäftigkeit ihre Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist. Und man möchte auf­schreien: Aber das ist doch alles nicht wirklich – wirklich sind die Ruinen; wirklich ist das ver­ gangene Grauen, wirklich sind die Toten, die Ihr ver­gessen habt. Doch die Angesprochenen sind lebende Gespenster, die man mit den Worten, mit Argu­menten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann.“ Arendt, ebd., S. 35-36.

Marcuse , Herbert : Feindanalysen. Über die Deutschen. Hrsg. von Peter-Erwin Jansen. Lüneburg 1998, vgl. S. 22 .

Vgl. Schweppenhäuser, Hermann: Aspekte der Sprache. (Unveröff. Manuskript) Bibliothek des Instituts für Sozialforschung, Frankfurt am Main; vgl. auch Klemperer, Viktor : LTI. Leipzig (16.Aufl.) 1996; Mitscherlich, Alexander : Die Unfähigkeit zu trauern. München (22.Aufl.) 1991.

Vgl. Krohn, Claus-Dieter : "Die Entdeckung des 'anderen Deutschland' in der intellektuellen Protest­ bewegung der 1960er Jahre in der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten", in: Kulturtransfer im Exil. Exilforschung - ein internationales Jahrbuch. Band 13, 1995, S. 16-51.

Kraushaar, a.a.O., S. 151.

Habermas, Jürgen, in: Die Zeit, 4. September 2003, S. 46.

Claussen , Detlev : "Was ich tue kannst du auch", in: Der Spiegel , Heft 34/2003.

Claussen , ebd.

Adorno, Theodor W./Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung - Philosophische Fragmente. In: Adorno, Gesammelte Schriften, a.a.O., Bd. 3, Frankfurt am Main 1981, S. 11.

Es war ein "Angebot integraler Selbstkenntnis, ein intellektuelles Programm des Lebenssi n ns, ein Milieu". Jäger, Lorenz: Adorno – eine politische Biographie. München 2003, S. 234.

Vgl. Popper, Karl : Objective Knowledge. London 1972.

"In der frühen Nachkriegszeit standen die totalitäre Gewaltherrschaft und die Demokratie im Be ­ wußtsein der Deutschen zunächst unverbunden nebeneinander. Nur durch die Erfahrung der totalen militärischen Niederlage wurden sie äußerlich zusammengehalten." Karl Jaspers entwickelte als erster den Gedanken, daß es einen Zusammenhang geben könnte zwischen dem Aufbau einer Demo­ kratie nach Hitler und der öffentlichen Reflexion deutscher Schuld." Das Buch verfolgt die These, "daß dem politischen System der Bundesrepublik eine demokratische Kultur nur in dem Maße zuge­ wachsen ist, wie den Erinnerungen jener Vergangenheit [die Verknüpfung von Schuldanerkennung und der Entwicklung einer demokratischen Kultur - fvg] ein Raum eröffnet wurde." Dubiel, Helmut: Niemand ist frei von der Geschichte - Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundes tages , München/Wien 1999, S. 10.

Laut Peter Suhrkamps Brief über die Minima Moralia an verschiedene Zeitungsredaktionen: "Das Buch ist seiner Art nach aufklärerisch. Man ist heute allgemein nicht für Aufklärung, sondern sieht die Welt wie sie ist lieber wieder in ihrem Dunst versinken; man ruft schon wieder nach Positivem, nach Resultaten, nach einem Evangelium, nach etwas, was ehrlich niemand anders zu geben vermag, als daß er es hinter der Aufklärung über die Realitäten dieser Welt erscheinen läßt. Adornos Buch wäre eine Gelegenheit, die aufkommende allgemeine Restauration fragwürdig zu machen." Zit. nach Demirović, Alex: Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule. Frankfurt am Main 1999, S. 540.

Konrad Adenauer: "Denken Sie zurück an Weimar. Dort traten die Deutschnationalen auf und bildeten ein Sammelbecken für alle diejenigen, die mehr oder weniger nicht demokratisch waren." Zit. nach Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München (2.Aufl.) 1997, S. 393.

11% Wählerstimmen bei den niedersächsischen Landtagswahlen für die NSDAP-Nach ­ folgepartei SRP, Sozialistische Reichspartei, unter der Führung des ehemaligen Staatssekretärs im Goebbelsschen Propagandaministerium, Walter Naumann, in 1951. Frei, a.a.O., S. 338.

Vgl. Giordano, Ralph: Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein. Hamburg 1 987.

Frei , a.a.O. Zitiert nach einer Rezension von Kurt Sontheimer: "Ausgebliebene Sühne", Die Zeit, 4. Okt. 1996.

Lübbe, Hermann : „Der Nationalsozialismus im politischen Bewußtsein der Gegenwart“, in: Broszat, Martin (Hrsg.): Deutschlands Weg in die Diktatur. Internationale Konferenz zur national­ sozialisti­ schen Machtübernahme . Berlin 1983, S. 327-349 .

Die Achtundsechziger sind, nach Jäger, in eine "Falle" getappt, die darin besteht, da ss sie gerade in dem Moment von ihren Lehrern in einen "Kampf gegen den Kapitalismus" geführt worden sind, als bewiesen wurde, "daß Faschismus und Nationalsozialismus nicht durch zuviel, sondern durch zu­ wenig Kapitalismus und Marktwirtschaft gekennzeichnet waren ..." Jäger, a.a.O., S. 234.

V gl. Adorno, Theodor W. : Opvoeding tot mondigheid, spectrum 1971.

Vg l. die Diskussion in Dresden, Sem : Vervolging vernietiging literatuur. Amsterdam 1991 . [Dt. Fassung: Dresden, Samuel: Holocaust und Literatur. Frankfurt am Main 1997].

Vgl. auch von Adorno: The Stars down to Earth: The Los Angeles Times Astrology Column , "Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda", "Antisemitism and Fascist Propaganda", "Bemerkungen über Politik und Neurose", in: Adorno, Gesammelte Schriften, a.a.O., Bd. 8.

Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften, a.a.O., Bd. 1 1: Noten zur Literatur II, S. 129: " Zur Schluss szene des Faust".

„Theodor W. Adornos pointierte Behauptung, ,nach Auschwitz sei es unmöglich geworden, Ge ­ dichte zu schreiben’, hat den wohl bedeutendsten Lyriker der deutschen Nachkriegszeit nur geärgert: ,Kein Gedicht nach Auschwitz (Adorno): was wird hier als Vorstellung von 'Gedicht' unterstellt? Der Dünkel dessen, der sich untersteht, hypothetisch-spekulativerweise Auschwitz aus der Nachtigallen- oder Singdrossel-Perspektive zu betrachten oder zu berichten.’“ FHS Schwäbisch Hall, Hochschule für Gestaltung.

Jäger, Lorenz: "Wiesengründig", in: F. A. Z. vom 25. Juni 2003.

Claussen, Detlev : "Die Banalisierung des Bösen. Über Auschwitz, Alltagsreligion und Gesellschaftstheorie", in: Werz, Michael (Hr sg.): Antisemitismus und Gesellschaft. Zur Diskussion um Auschwitz, Kulturindustrie und Gewalt. Frankfurt am Main 1995, S. 14.